Einmal Lissabon und zurück

Diese Tour habe ich bereits vor 45 Jahren fest eingeplant. 1974, nach dem einigermaßen erfolgreichen Abschluss habe ich mich für eine berufliche Richtung entschieden und erstaunlicherweise viel zu schnell eine Zusage erhalten, leider verbunden mit einem Antritt direkt 2 Wochen nach dem Erhalt des Abi-Zeugnisses. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Eigentlich hatte ich erst mal anderes vor, so wie viele meiner Freundinnen und Freunde aus der alten Klasse: “Ich mache erst mal ein halbes Jahr Indien, den VW-Bus habe ich schon” oder: “Ich mach erstmal den Taxischein, Kohle machen und lass mich dann an der Uni einschreiben”. Ich hatte ursprünglich auch so tolle Ideen, erst mal ein Musikstudium und dann mal gucken… Die 70iger Jahre ließen uns bei geringen materiellen Ansprüchen mehr Freiheiten als der heutigen jungen Generation zu. Im Nachhinein betrachtet war das sicherlich ein Privileg. Während einer meiner alten Kumpels bereits an seinem ersten Reiseführer über Marokko schrieb, habe ich mir vorgenommen, dieses so erträumte unbeschwerte Leben später nachzuholen und ich habe diesen Vorsatz nie ganz vergessen.

Es folgten 45 Jahre mit viel Verantwortung, 2 Ehen und 2 tollen Töchtern und einem Enkelsohn, und diese Zeit möchte ich auf keinen Fall missen. Auch beruflich lief es gut, wenn auch auch deutlich zu glatt und ohne nennenswerte Höhen und Tiefen. Die letzten Berufsjahre in einem sehr beliebten Düsseldorfer Kulturinstitut waren schon nicht mehr so prickelnd. Ich war einfach zu lange dort, ok, das war mein ureigenstes Problem, aber ich hatte gelinde gesagt irgendwie den Kaffee auf und hörte immer öfter Purple Schulz: Ich will hier raus…!

Der Personalausweis zeigte bzw. drohte mir inzwischen deutlich die “über 60” an. Mein langjähriges Hobby war immer schon das Doppelleben als Rockgitarrist und später auch die Segelei, nur kommt man damit auf dem Binnensee eben nicht sehr weit. Und so kam ich irgendwie über die Vespa zum Motorrad und damit zum Plan, nach Abschluss meines Berufslebens in Erinnerung meiner alten Idee eine längere Tour zu machen, egal wie lang und nur dahin, wo es schön ist, aber Hauptsache allein, das hatte ich noch nie gemacht. Nicht reden müssen, abschalten, keine Telefonate, keine Rechtfertigungen, einfach nur woanders sein und nachdenken, Neues sehen und erleben und auch mal nichts machen. Andere gehen dafür den Jakobsweg, aber das ist nicht mein Ding. Später in Nordspanien habe ich den Jakobsweg mehrfach gekreuzt und stand einmal Pilgern erstaunt gegenüber, als sie ausgerechnet mich als Atheisten nach dem rechten Weg fragten… die hatten Gottvertrauen und wirklich kein Navi dabei!

Meine Tour war für einen Zeitraum von 2 Monaten detailliert geplant und mittels diverser Maps und einem Internet-Hotelvermittler hat mir diese Aufgabe schon im Vorfeld ausgesprochen viel Freude bereitet. Ich wollte keine Km fressen und jeweils nach einer Tagesetappe mind. 2 Tage am Ziel bleiben und dann weiter touren. Der Wendepunkt war nach gut 2 Wochen zunächst der Großraum Lissabon, wo ich meine Frau und die ältere Tochter, Schwiegersohn und Enkel für eine Zwischenetappe von 3 Wochen am Atlantik vom dortigen Flughafen abgeholt und wieder zurück gebracht habe. Danach ging es wieder allein für knapp 3 Wochen auf Umwegen über Spanien, Südfrankreich, die Schweiz und den Schwarzwald so langsam zurück.

Dies alles war mir sehr wichtig, um mich auf diesen neuen Lebensabschnitt vorzubereiten und es hat mir dabei sehr geholfen.

Zu den einzelnen Etappen:

Reims, Stadt des Champagners

Mein Hotel lag gegenüber dem Stammhaus von Roederer und andere bekannte

Kellereien lagen in unmittelbarer Nähe, alle kleine noble Stadtschlösser, die den Duft von Weingeist im Viertel verteilten. Natürlich muss man sich den Dom anschauen und die Cafe’s der Altstadt besuchen.

Chateauroux im Naturpark Renne

Leider blieb mir die Fahrt über den Pariser Ring nicht erspart, und die Rush-Hour geht da von 8 bis 20 Uhr. Gegenüber den Motorradfahrern sind die französischen Autofahrer ausgesprochen tolerant und machen großzügig eine Lücke zwischen den Spuren frei, sodass man immer durchschlüpfen kann. Mein Problem waren dabei nur die Pariser Motorradfahrer, die mich mittels Hupe durch die schmalen Lücken scheuchten. Ich traute es mir wirklich nicht zu, wie diese Wahnsinnigen mit 80 Stukis zwischen den Autos zu rasen, immerhin wollte ich gesund zurückkommen. Chateauroux gehört trotz des schönen Namens zu den lost places Frankreichs, die man durchaus umfahren sollte, die einzige Fehlplanung meiner Tour…und schnell weiter nach…

Biarritz, dem Nobelbad Frankreichs schlechthin.
Ich hatte nur 2 Tage eingeplant, aber hierhin werde ich noch einmal fahren. Zwar ist die Küste etwas verbaut, aber der Strand mit seine kleinen Buchten und schönen alten Villen sowie das nahe gelegene hübsche Bayonne entschädigte alles.

Bilbao und Santander im spanischen Baskenland

Tolle und stolze Städte, und ich wäre gerne länger geblieben, besonders Santander mit seinen Stränden auf der anderen Seite der Bucht hat es mir angetan. Auffallend war, dass es überall in den Innenstädten Spaniens im Sommer Feste gab, die sich nicht nur auf Paella und Cerveza beschränkten, sondern auch mit Musik und Tanzveranstaltungen aufwarten könnten.

Die nächste Etappe ging durch die schwach bewohnte nordwestliche Region zum Naturpark Duero nahe der portugiesischen Grenze. Hier habe ich das Moped 2 Tage nicht angefasst und bin auf Wanderung ins Duero-Tal gegangen. Eine sehr einsame Region, bei der ich von morgens bis abends außer den dort lebenden Adlern und Geiern keinem anderen Lebewesen begegnet bin. Hier konnte ich das Alleinsein genießen, und natürlich kann man Einsamkeit nur genießen, wenn man weiß, dass diese auch wieder endet… und daher ging es bald weiter nach….

Porto, wo der Douro in den Atlantik mündet. Eine lebhafte und international geprägte Stadt auf 3 Höhenebenen, wo man auch schon mal in die U-Bahn einsteigt, um sich nach 2 Stationen plötzlich auf der obersten Brückenebene 80 m über dem Fluss wiederzufinden. Die gastronomischen Angebote am Flussufer, natürlich vornehmlich Fisch und last not least die Portweine, sind riesig und wirklich toll.

Dann ging es Richtung Lissabon, wo ich besondere Erlebnisse mit den verschieden Mautsystemen auf den Autobahnen Portugals hatte. Das wäre aber ein Thema, das ich hier aussparen möchte. Nachdem ich meine Frau und kurz darauf auch Tochter, Schwiegersohn und Enkel in Lissabon am Flughafen abgeholt habe, gab es schöne gemeinsame 3 Wochen in Foz do Arelho -Achtung bei der Aussprache!- und in Lagoa de Albufeira.

Wieder solo auf dem Moped ging es weiter nach Mérida, dann nach Toledo, beides tolle Städte, bei denen mir besonders das Leben auf den Straßen gefiel, wo sich eigentlich das ganze kulturelle Leben abspielt. Einen Abstecher nach Madrid habe ich mit der Bahn gemacht, was ich angesichts der chaotischen Verkehrsverhältnisse nur anraten kann. Mit Glück hatte ich als Museumsmensch noch ein Ticket für den Prado ergattert, ein riesiges Kunstmuseum und ein tolles Erlebnis.

Auf der Tour nach Saragossa hatte ich einen Gegenwind von über 40 Grad und der kühlt nicht mehr! Also Wasser ins Hemd gekippt, die Jacke geöffnet und weiter. Der Kühleffekt war nur von kurzer Dauer, so ungefähr 3 km. Kurz darauf passierte eine tierische Tragödie. Ein Adler knallte gegen einen vor mir fahrenden LKW und flog dann knapp an an meinem Helm vorbei in den Straßengraben. Glück gehabt… Wer einmal erlebt hat, wie laut es auf dem Visier knallt, wenn schon ein mittelgroßes Insekt aufschlägt, kann sich denken, dass mich ein da wohl schon toter Adler sicherlich von der Maschine geholt hätte. Es wäre eine bemerkenswerte Todesursache gewesen: “Auf der Autobahn von einem toten Adler erschlagen”.

Figueres, die Stadt Salvador Dalis

Natürlich suchen alle Besucher dieser Stadt das Theatermuseum von Salvador Dali auf, und es ist das tollste Gesamtkunstwerk eines großen Malers und Bildhauers, das ich je gesehen habe. Er hat viele Jahre gebraucht, um dort in den Siebzigern sein Museum in dieser einzigartigen Form zu verwirklichen. Die Stadt lebt aber auch durch seine Stadtfeste, viele kleine Kneipen, Cafés und in einem Laden gab es gar einen spanischen Inhaber, der ausschließlich Musik Düsseldorfer Bands der 70er Jahre spielte, Kraftwerk, NEU, La Düsseldorf rauf und runter…. für mich als Düsseldorfer bemerkenswert.

Mein Moped, eine BMW F700GS, hat mich übrigens zuverlässig vorangebracht und nun ging es weiter nach Arles in der Camargue, der Stadt van Goghs. Das bekannte Fotofestival fand ebenfalls gerade statt. Überhaupt spielt hier die Kultur eine große Rolle. Die Camargue zu durchqueren war ein sehr schönes Erlebnis, die Wildpferde habe ich leider nicht gesehen, na ja, die halten sich in der Regel auch nicht in der Nähe von knatternden Motorrädern auf.

Und nun ab in die Alpen nach Chamonix am Mont Blanc, eine klassische Mopedstrecke. Ich wohnte nur wenige hundert Meter von einem Gletscher entfernt, tolle Landschaft, auch viele Touristen und Bergsteiger aus der ganzen Welt waren hier- wen wundert es.

So langsam ging es wieder Richtung Heimat und nach einer sehr reizvollen Tour durch die Schweiz mit einem Abstecher nach Montreux ging es nach Neustadt-Titisee. Dort habe ich in einer Kuranlage noch ein Wellness-Programm durchgezogen, was man ja mit 62 wohl mal machen kann! Die letzte Strecke nach Düsseldorf war verkehrsmäßig wie sonst nie absolut stressig und ich habe nach 6.500 km das Moped erstmal für ein paar Tage stehen lassen.

Für mich war es zum Einstieg ins Rentenalter wichtig, mit dieser Tour Abstand zum “alten Leben” zu gewinnen, den Kopf für neue Pläne frei zu bekommen und kann es jedem in gleicher Situation empfehlen, aber man muss natürlich Bock drauf haben!

Wolfgang Schmidt

Wolfgang Schmidt in Toledo
Wolfgang Schmidt in Toledo

 

 

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